Als Kiwanis 1915 gegründet wurde, stand die Welt im Schatten des Ersten Weltkriegs. Die Gründer erkannten, dass eine moderne Gesellschaft mehr braucht als wirtschaftliche Dynamik: Sie braucht Verantwortung, Gemeinsinn und Menschen, die sich nicht nur für sich, sondern für alle einsetzen.
Kiwanis war von Beginn an kein politisches Projekt, sondern ein zivilgesellschaftliches. Man wollte Menschen aus Wirtschaft und Gesellschaft zusammenbringen, um das Gemeinwohl zu stärken. Früh setzte sich der Leitsatz «We Build» durch: Wir bauen Gemeinschaft, Vertrauen und Zukunft.
Der Erste Weltkrieg verlieh dieser Idee eine tiefere Bedeutung. Während Staaten einander bekämpften, entstand in vielen KC eine praktische Solidarität mit Kriegsopfern, Verwundeten und Familien in Not. Hilfe war kein nationaler Akt, sondern ein menschlicher.
Der Zweite Weltkrieg stellte die Menschheit vor eine noch grössere Zäsur. Der Zivilisationsbruch erschütterte die Welt bis ins Mark. Nach 1945 entstand deshalb eine neue globale Architektur mit (UNO) und einem Netzwerk zivilgesellschaftlicher Organisationen, die eine Lehre gezogen hatten: Frieden kann nicht allein politisch oder militärisch gesichert werden; er muss in den Köpfen und Herzen der Menschen wachsen.
Die moralische Kraft
In dieser Zeit veränderte sich auch Kiwanis grundlegend. Die Bewegung öffnete sich international und entwickelte Programme zur Förderung von Kindern und Jugendlichen. Dahinter stand eine tiefe Einsicht: Wer als junger Mensch andere Länder, andere Kulturen und andere Lebensweisen erlebt, entwickelt Resilienz gegen Vorurteile und Manipulation. Begegnung wurde zu Friedensarbeit.
Während des Kalten Krieges hielt Kiwanis bewusst an seiner humanistischen Haltung fest – als Raum, in dem Menschen einander als Menschen begegneten. Mit dem Fall der Berliner Mauer 1989 verloren Grenzen an Bedeutung. Kiwanis erlebte eine Blüte. In diese Zeit fällt auch die Gründung vieler europäischer Clubs – darunter 1999 der Kiwanis Club St. Gallen-Vadian. Er entstand in einer Phase, in der internationale Offenheit, Jugendförderung und Engagement als selbstverständliche Grundlage einer friedlichen Zukunft galten.
Durch all diese Jahrzehnte zieht sich ein roter Faden: Kiwanis war immer dann stark, wenn die Welt drohte, sich in Lager, Feindbilder und Machtblöcke aufzuspalten – als moralische Kraft. Ihre Werkzeuge sind Begegnung, Vertrauen und die Investition in die nächste Generation. Dieses Fundament trägt bis heute. Und auf diesem werden wir im nächsten Schritt deine persönliche Geschichte, deine Erfahrungen mit Austauschprogrammen und deine heutigen Sorgen um die globale Entwicklung verankern.
Recht vor Macht
Kiwanis ist Teil meines eigenen Lebens. Ich war Gründungspräsident des KC St. Gallen-Vadian. Heute stehe ich erneut in dieser Verantwortung. Das allein ist ein Zeichen dafür, wie sehr mich diese Idee bis heute trägt. Noch stärker aber wurde meine Überzeugung durch meine Familie. Drei meiner Kinder haben an Austauschprogrammen in den USA, Chile und Argentinien teilgenommen, gleichzeitig nahmen wir als Familie selbst Austauschschülerinnen und -schüler bei uns auf. Diese Erfahrungen haben unsere Sicht auf die Welt verändert.
Plötzlich hatten Länder Gesichter und Sprachen Stimmen. Darin liegt die Kraft des Austauschs: Er verwandelt Fremde in Vertraute und macht es unendlich viel schwerer, Menschen zu Feindbildern zu erklären. Wenn ich auf diese Erfahrungen zurückblicke, erkenne ich den wahren Kern von Kiwanis. Programme wie ESF, Youth Exchange, Key Club oder Circle K sind Investitionen in eine friedlichere Welt. Sie wirken dort, wo politische Verträge nicht mehr greifen: in der Haltung junger Menschen gegenüber dem Anderen.
Umso mehr erfüllt es mich mit Sorge, wenn ich die gegenwärtige Entwicklung der Welt betrachte. Nationalismus, Abschottung, das Denken in Machtblöcken und die Rückkehr zur Logik des Stärkeren gewinnen an Einfluss. Auch für Kiwanis bedeutet diese Entwicklung eine Bewährungsprobe. Eine Organisation, deren Wurzeln in den USA liegen, aber deren Seele in der weltweiten Gemeinschaft verankert ist, muss sich klar darüber sein, wofür sie steht. Gehören wir zu denen, die sich abschotten, oder zu denen, die Brücken bauen? Folgen wir der Logik der Macht – oder dem Prinzip, dass Recht vor Macht stehen muss?
Meine Sicht in die Zukunft ist nicht ungetrübt. Nicht, weil ich den Glauben an Kiwanis verloren hätte – im Gegenteil. Sondern weil ich weiss, wie kostbar und verletzlich unsere Grundidee ist. Gerade jetzt, in einer Zeit wachsender Polarisierung, braucht es Organisationen, die unbeirrt am Wert des Austauschs, der Jugendförderung und der internationalen Verständigung festhalten. Kiwanis hat diese Aufgabe seit über 110 Jahren erfüllt. Es liegt an uns, ob wir sie auch in der kommenden Generation weitertragen.
Ein Auftrag grösser als wir
Wir stehen an einem Wendepunkt. Unsere Aufgabe als KF besteht darin, nicht dem Zeitgeist zu folgen, sondern dem Gewissen. Wenn wir Kinder und Jugendliche fördern, Austausch ermöglichen, jungen Menschen die Erfahrung schenken, dass die Welt grösser und vielfältiger ist als jede Grenze, dann schaffen wir die Grundlagen für eine Zukunft, in der Recht vor Macht steht – und nicht umgekehrt.
Meine eigenen Erfahrungen, die meiner Kinder und die Geschichte von Kiwanis selbst zeigen mir: Begegnung verändert Menschen. Und veränderte Menschen verändern die Welt. Darum darf Kiwanis auch in stürmischen Zeiten nicht verstummen. Wir müssen unsere Werte klar benennen, unsere Programme mutig weiterführen und unseren internationalen Charakter leben. Denn wenn wir aufhören, Brücken zu bauen, werden andere Mauern errichten. Kiwanis ist mehr als eine Organisation. Es ist ein Versprechen an die nächste Generation. Und dieses Versprechen dürfen wir niemals brechen.
KF Rudolf Signer, KC St.Gallen- Vadian

